Zu Beginn möchte ich mich entschuldigen, dass ich so lange Zeit inaktiv war, aber ich hatte einfach nicht wirklich etwas zu erzählen. Die letzten Monate waren gefüllt mit einem wundervollen Alltag, mit Momenten, die ich vollkommen im Hier und Jetzt verbracht habe. Damit möchte ich nicht sagen, dass ich euch vergessen habe, aber viele Situationen waren so wunderbar alltäglich, dass ich sie gar nicht für Außenstehende in Worte hätte fassen können.

ich versuche in den folgenden Zeilen euch einen Einblick in die letzten Monate und vor allem in meine derzeitige Gefühlswelt zu geben, wobei ich auch hier nicht recht weiß, ob ich es in Worte fassen kann, aber ein Versuch ist es wert.

Día Internacional de lxs Trabajadores: 01 May 2017

Für mich, einer der wohl bewegendsten Tage der letzten Monate, war der 01. May 2017. 10Uhr morgens traf ich mich mit meinen Kolleg*innen am Plaza de la Democracia, um Fotos von der Demo zu machen, sowie Interviews zu führen. Es war ein herrlich sonniger Tage und die Stimmung sehr ausgelassen. Das krasseste für mich war jedoch zu sehen, dass wenn es hochkommt, 10 Polizist*innen zu sehen waren.

Der bunte Zug aus verschiedensten Organisationen, Menschen in Kostümen, bunten Plakaten, Musik und artistischen Einlagen setzte sich in Bewegung und wir waren mittendrin. Ich war so vertieft ins Fotografieren, dass ich oft gar nicht mitbekam, wenn ich an einem eigentlich bekannten Gesicht vorbei lief. Mindestens 15 Menschen, aus verschiedenen Organisationen und aus unterschiedlichen Bereichen kamen auf mich zu, um mich zu begrüßen.

Das mag vielleicht banal klingen und gar nicht aufregend, aber für mich war dieser Tag magisch. An diesem Tag ist mir bewusst geworden, dass ich nach 9 Monaten doch sagen kann, ich bin angekommen. Ich bin keine Besucherin mehr, die mal eben vorbeischaut. Ich bin nicht mehr die blonde, deutsche Voluntaria, die einfach dabei ist (wobei mir mein Kollegium auch nie diesen Eindruck vermittelt hat). Doch an diesem Tag ist mir auch bewusst geworden, dass Menschen außerhalb Voces Nuestras mich als vollwertiges Mitglied der Organisation ansehen, ich einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte habe.

Die meisten Menschen, die mich erkannten, habe ich irgendwann mal interviewt oder mit ihnen gemeinsam demonstriert, mit ihnen gearbeitet und oder auch gefeiert. Mich hat dieser Tag mit soviel Glück und soviel positiver Energie gefüllt und mir das Gefühl gegeben, dass mein Einsatz hier Sinn macht – doch auch irgendetwas bewegt. Auch wenn es die Welt vielleicht nicht auf den Kopf stellt, aber es scheint doch einen Effekt zu haben, so klein er auch sein mag.

Isla San Lucas

Ein weiteres, sehr interessantes Erlebnis war für mich der Besuch der Isla San Lucas, eine der Gefängnisinseln Amerikas. Das Gefängnis wurde 1991 geschlossen, die Zellen und auch das Haus, in dem die Wachen wohnten sind noch erhalten.

Ich fuhr also am 13.05. mit Moisés nach Puntarenas, um mit einem kleinen Boot auf die Insel gebracht zu werden. Zu Beginn schüttete es wie aus Kannen und wir hofften nur, dass es sich über den Tag noch aufklären würde. Auf der Insel angekommen begrüßte uns der Parkaufseher sehr freundlich. Da Moisés einmal auf der Insel als Freiwilliger ausgeholfen hat, kannten sich die beiden gut und wir durften sogar über nacht auf der Insel bleiben.

Die Gefängnisstruktur war im Sinne eines Panopticons (Jeremy Bentham) aufgebaut, dass Michel Foucault in seinem Werk „Überwachen und Strafen“ auf unsere heutige Gesellschaft übertrug, da es das perfekte Gefängnis darstellt. Auch wenn die Insassen nicht wissen, ob sie just in diesem Moment beobachtet werden, so disziplinieren sie sich selbst, da sie nicht sehen können, ob sie gerade beobachtet werden oder nicht, da vom Wachhaus aus alles einsehbar ist. Allein dieses Wissen, beziehungsweise der bestehende Zweifel, dass jemand sie beobachten könnte, reicht aus, damit die Insassen sich selbst regulieren.

Wer, im Falle von San Lucas, trotzdem gegen die Regeln verstieß, wurde für mehrere Stunden, wenn nicht sogar Tage in eine Art Bunker unter der Erde gesperrt, der sich in der Mitte des Ausgangsplatzes befand, um gleichzeitig ein Exempel für die anderen Insassen zu statuieren. Puntarenas ist eine der heißesten Regionen Costa Ricas und wenn es eine Außentemperatur von 30 °C hat, möchte man sich nicht ausmalen, was für eine Hitze im Bunker geherrscht haben muss.

Der Ort hat etwa bedrückendes und zugleich etwas unheimlich faszinierendes an sich. All die Geschichten der Menschen, die sich mehr oder weniger künstlerisch an den Wänden verewigt haben. Immer wieder sind Namen zu entdecken, manche Namen kehren immer wieder. Namen, die die Frage nach mehr Information aufwerfen lässt.

Nachmittags erkundeten wir etwas mehr die Insel, wanderten durch den Wald und badeten im klaren und wunderbar erfrischenden Meer. Kaum eine Menschenseele war zu sehen, wir waren fast allein auf der Insel.

San Lucas bei Nacht

Ich muss gestehen, ganz geheuer war es mir nicht im ehemaligen Wachhaus zu übernachten. Ein riesiges Haus, dass mittlerweile leersteht, dessen Fenster schon lange kein Glas mehr haben und die Schatten der Bäume immer wieder merkwürdige Gebilde in die dunklen Ecken des Hauses zeichneten. Es hatte schon etwas gruseliges, aber irgendwie war es auch aufregend.

Betrachtet man die Insel unabhängig ihrer Vorgeschichte, so stellt sich bei Nacht, erst ihre ganze Schönheit heraus. Schon der Sonnenuntergang ist spektakulär, aber als es richtig dunkel war, war es atemberaubend. Hunderte von Glühwürmchen wiesen uns den Weg hinunter zur Bootsanlegestelle. Die Glühwürmchen waren unsere einzige Lichtquelle, da es sonst keine Laterne am Wegrand gibt. An der Bootsanlegestelle angekommen, drückte mir Moisés einige Steine in die Hand und meinte, ich solle sie ins Wasser werfen. Das Bild, das sich mir auftat war einfach wunderschön.  Als würden Blitze durch das Wasser sausen, erleuchteten die kleinen Algen. das Phänomen nennt sich auch Biolumineszenz.

Casa Banana on Tour – Puerto Viejo

Ein letztes Ereignis der letzten Monate was ich gern mit euch teilen möchte, würde ich vielleicht sogar als das schönste von allen bezeichnen. Am 30.06. fuhren wir mit 11 Personen nach Puerto Viejo, somit über die Hälfte unserer fabelhaften Casa Banana Familie.

Vielleicht als kurzer Einschub, für die von euch, die nicht wissen, was ich mit Casa Banana Familie meine: Casa Banana ist ein Haus, in dem 18 Personen leben, in einer riesigen WG sozusagen und obwohl ich dort nicht lebe, verbringe ich doch die meiste Zeit meiner Freizeit in diesem Haus bzw. mit diesen wunderbaren Menschen. Für mich sind diese Menschen mittlerweile fester Bestandteil geworden, meine Familie sozusagen. 

Wir übernachteten wie üblich im Rocking J’s, nur dass wir diesmal ein eigenes Zimmer nur für uns hatten. Wir kamen Freitagnacht an und feierten bis in die frühen Morgenstunden. Samstag verbrachten wir fast den ganzen Tag am Strand und abends zogen wir wieder los. Sonntag blieben wir noch bis in die Abendstunden und auf der Rückfahrt im Auto –  die Fenster ganz unten, der Fahrtwind im Gesicht, Palmen und Meer, dass an uns vorbeirauscht, aus den Boxen dröhnen Latino-Rhythmen, es wird lautstark mitgesungen, immer wieder eine Hand, die über das Knie oder den Arm streicht.

Dieser Moment war für mich pures Glück. Ich war so glücklich, dass mir mein Herz regelrecht schmerzte. So glücklich, dass mir Tränen die Wangen runterliefen und ich nicht aufhören konnte über beide Ohren zu grinsen. Mir ist in diesem Moment, noch einmal so bewusst geworden, dass ich auch fast 10 000 km entfernt von der Heimat wieder ein zu Hause gefunden habe. Menschen gefunden habe, die für mich das pure Glück sind, die soviel Liebe zugeben haben, die mein Leben, so sehr bereichern.

Es sind noch 5 Wochen bis zu meinem eigentlichen Abschied und doch merke ich, dass ich beginne Situationen viel intensiver wahrzunehmen, versuche jeden Moment wie ein Schwamm aufzusaugen, damit das Gefühl länger bleibt. Daher habe ich auch die letzten Monate nichts geschrieben, ich war zu sehr mit leben beschäftigt. die nächsten Wochen werden wie im Flug vergehen.

Das kommende Wochenende fahre ich Freunde in Santa Teresa besuchen und werde ein letztes Mal in Costa Rica surfen. Das Wochenende darauf fahre ich mit meinen Kolleg*innen zu einem Calypso Festival nach Cahuita und vom 20.07. -26.07. geht es mit meinen Mädels noch einmal nach Kuba. Unter der Woche bin ich arbeiten und versuche abends soviel Zeit wie möglich mit meinen Lieben zu verbringen. Die Letzten zwei Wochen bis zur Ausreise werde ich mir intensiv Zeit nehmen, um mich in San José von allen zu verabschieden, zu packen usw.

Deshalb seid mir nicht böse, wenn ich mich die nächsten Wochen nicht wirklich melden werde. Das heißt nicht, dass ich mich nicht unheimlich auf euch freue, denn das tue ich auch von ganzem Herzen, aber es sind jetzt nur noch 5 Wochen und meine Gedanken sind gerade im Hier und Jetzt, deshalb verzeiht mir, falls ich mal nicht antworten sollte, bzw. kurz angebunden bin.

Aber keine Angst, ihr bekommt definitiv noch einen Abschlussbericht meines Jahres, entweder kurz bevor ich fliege oder kurz danach.

Fühlt euch gedrückt

 

Gefällt mir
Gefällt mir Liebe Haha Wow Traurig Wütend
811