Seit über einem Monat befinde ich mich nun in Costa Rica und seit fast 3 Wochen bin ich nun auch schon Teil von Voces Nuestras – Wahnsinn, wie die Zeit doch rennt.Voces Nuestras – die ersten Arbeitswochen

Am 31.08.2016 hatte ich meinen ersten Arbeitstag und wurde bei einem Frühstück im Büro vielen, wenn auch nicht allen Kolleg*innen, vorgestellt. Knapp drei Wochen später kann ich sagen, dass ich mich im Büro, in diesem Team sehr wohlfühle. Ich empfinde die Mischung an Menschen, die hier arbeiten als sehr inspirierend und bei den Themen soziale Ungerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und Empowerment marginalisierter Gruppen, fühle ich mich sehr gut aufgehoben.

Die erste Woche war ich damit beschäftigt mich einzulesen, in die verschiedenen Themen, in die Arbeitsmoral von Voces und die verschiedenen Projekte. Außerdem wurde ich langsam an die technischen Aufgaben herangeführt, wie beispielsweise Audios schneiden und mit Musik unterlegen. Nach und nach werden es nun mehr Aufgaben und ich freue mich sehr auf die kommenden Monate.

Einmal im Monat soll ich auf eine Veranstaltung meiner Wahl, Interviews führen und daraus dann eine Reportage basteln. Langeweile kommt da, denke ich, nicht so schnell auf.

Das Kamehouse – wie wohne ich?

Im Kamehouse gab es die letzten Wochen ein paar Spannungen die Sauberkeit und einige andere Dinge, die das Zusammenleben betreffen. Ich denke aber, dass sich viele der Unstimmigkeiten mit einfachen Gesprächen klären lassen. An sich wurde ich gut aufgenommen und unternehme viel mit meinen Mitbewohner*innen. Im Allgemeinen wird versucht Konflikten und Auseinandersetzungen mit anderen Menschen aus dem Weg zu gehen und Dinge, die eine*n stören, werden so nicht offen kommuniziert. Wenn überhaupt, wird der Versuch unternommen versteckte Hinweise zu geben, à la : „Ach so machst du das, das ist ja ganz wundervoll, also wir normalerweise machen das ja so, aber deine Art und Weise gefällt mir auch richtig gut.“ Bei einer solchen Aussage ist Vorsicht geboten, meint mein Gegenüber es wirklich so oder ist es ein versteckter Hinweis, dass ich mit meinem Verhalten irgendetwas falsch gemacht habe.

Konflikte werden auch in unserem Haus nicht offen angesprochen, womit ich mich sehr schwer tue, um ehrlich zu sein, da ich der Meinung bin, wenn Dinge nicht offen kommuniziert werden, entstehen, auf lange Sicht gesehen, mehr Probleme, da diese sich akkumulieren – Mein Gegenüber kann schließlich nicht riechen, was ich gerne möchte und was nicht. Vielleicht schaffen wir es auch einen Mittelweg für unser Zusammenleben zu finden.

Ansonsten ist das Haus, für mich, einfach perfekt gelegen. Die Uni ist direkt um die Ecke und sogar mit einer Laufstrecke versehen, die ich fast jeden Morgen nutze, bevor ich ins Büro gehe. Nur 100 Meter entfernt befindet sich ein Fitnessstudio, in dem ich mich letzte Woche angemeldet habe. Womit ich noch etwas zu kämpfen habe, ist mich daran zu gewöhnen, dass es ab 18Uhr wirklich so dunkel ist, dass es einem vorkommt wie tiefste Nacht. Das Fitnessstudio bietet so einen guten Ausgleich zur Büroarbeit und ich bin nicht abhängig von Licht- und Wetterverhältnissen.

Wir befinden uns nämlich mitten in der Regenzeit, was so viel heißt wie: morgens ist es recht warm, teils sogar sehr schwül und ab ca. mittags kühlt es sich ab und je nach Tag regnet es ab mittags mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 – 70 Prozent.

Geburtstag auf Costa Ricanisch

Am 09.09. hatte mein Gastpapa Geburtstag und ich war zur Feier eingeladen. Die einzige Bedingung war, dass wir alle Hüte tragen mussten. Zu Beginn gab es sehr leckeres, landestypische Knabbereien, wie Patacones gefüllt mit Tomatensalsa, Bohnenmus, Käse und wer wollte Thunfisch. Außerdem gab es eine Maissuppe, die ihren Ursprung in Cartago hat, wo auch mein Gastpapa herkommt. Es wurde ausgelassen, gegessen, getrunken, getanzt und viel gescherzt. Sie versuchten mir costaricanischen Chachacha beizubringen und wir versuchten uns am Salsa, der zum kubanischen dich recht anders ist. Insgesamt, ein ganz wunderbarer Abend in gemütlicher Runde.

Marktbesuch

Am Samstag, den 10.09. war ich mit Louisa – einer anderen deutschen Freiwilligen- auf der Feria del Agricultor in Guadalupe. Märkte sind einfach etwas wunderbares, die lebendige Atmosphäre, die bunten Farben, die Händerler*innen, die um die Preise feilschen. Ich könnte Stunden auf diesen Märkten verbringen und das bunte Treiben beobachten. Für gerade einmal 10 Euro decke ich mich mit frischem Obst und Gemüse für die Woche ein. Ich frage hier und da wo das Obst und Gemüse herkommt, vergleiche Preise und bin selig, als wir den Markt verlassen. Ja, Konsum macht glücklich und in diesem Fall erfüllt er Seele und Körper gleichermaßen.

Konzert der Philharmonie

Am Samstag den 10.09.2016 lud der Handy-Anbieter Claro (vergleichbar mit Vodafone in Deutschland) zu einem kostenlosen Konzert der Philharmonie im Parque la Sabana ein. Gegen 17 Uhr machten wir uns in einer Gruppe von ca. 10 Personen auf den Weg. Durch den Feierabendverkehr brauchten wir für eine Strecke von 5 Kilometern mehr als eine Stunde. Den Nachmittag hatte es so viel geregnet, dass der ganze Boden so aufgeweicht war, dass er einem Schlachtfeld glich. Mit unseren Stoffschuhen versanken wir gut im Matsch, was der Stimmung aber keinen Abbruch tat.

Ich war sehr gespannt auf das Konzert, erwartete aber, um ehrlich zu sein, nicht all zu viel. Die Überraschung war dadurch umso größer – ich war hin und weg. Das Philharmonie Orchester spielte sämtliche Klassiker der Musikgeschichte, von Bob Marley, über Bon Jovi, bis hin zu Discohits. Das Konzert dauerte ca. 2 Stunden und die Stimmung war ganz fantastisch. Wir entschieden nach dem Konzert noch etwas trinken zu gehen und auf dem Weg zum Auto trafen wir einen der Künstler, ein Reggaesänger aus Limón, der eine ganz wundervolle Stimme hat. Wir baten ihn um Erlaubnis ein Foto mit ihm machen zu dürfen und er willigte mit einem breiten Lächeln im Gesicht ein. Als ich ihn so sah, mit all seiner positiven Energie und der Aura, die von ihm ausging, verstand ich vielleicht zum ersten Mal, was alle meinten mit Pura Vida.

Adios Touri-Visum – Hola Freiwilligenvisum

Am 12.09 und 13.09. durften wir mit unserer Landesmentorin Irmgard, Erfahrungen mit der costaricanischen Migración machen. Ein wahrliches Abenteuer für sich, es erinnerte mich ein bisschen an die Organisation Berliner Bürgerämter. Am 12.09. waren wir relativ schnell durch, wobei wir uns das Schlangensystem amüsierte, mit dem die Menschen einen Platz weiter vorrückten. Es gab für die verschiedenen Anliegen 3 verschiedene Schlangen, die mit festen Stuhlreihen bestückt waren. Man fing auf dem letzten freien Platz in der Schlange und und rückte immer einen Sitzplatz auf. Wenn sich eine Schlange von 50 Menschen erhob und einen Platz weiterrückte, wirkte es etwas wie das Spiel „Reise nach Jerusalem“, äußerst unterhaltsam. So schlief man wenigstens nicht ein. Wir waren relativ zügig mit dem ersten Teil durch.

Danach hieß es einmal durch die halbe Stadt, um Fingerabdrücke nehmen zu lassen. Wieder sämtliche Fragen beantworten und wieder gab es 4 verschiedene Schreibweisen meines Namens. Gegen Mittag waren wir raus und entschieden uns noch gemeinsam etwas essen zu gehen. Wir liefen Richtung Uni und in direkter Nähe zur Uni fanden wir eine kleine Soda, mit landestypischen Gerichten und niedrigen Preisen.

Am Dienstag, den 13.09, mussten wir mit den Übersetzungen unserer Bestätigung der elefand-Liste des Auswärtigen Amtes und unseren Fingerabdrücken wieder in die Migración. Wir waren Punkt 8 Uhr da, um schnell wieder rauszukommen.

Ich hatte dummerweise das Original der Bestätigung vergessen und dachte, vielleicht reicht ja auch die Übersetzung. Sie reichte natürlich nicht. Daraufhin fragte ich eine Tür weiter, ob sie so nett sein könnten mir die Mail auszudrucken. Die Frau war super nett und druckte sie mir umgehend aus – meine Rettung.

Eine Minute später, mit ausgedruckter Mail in der Hand sprintete ich wieder zum Counter vor, wo die anderen noch standen. Ich legte es freudestrahlend hin und das einzige was mir die Sachbearbeiterin entgegnete war: “ Das kann ich jetzt nicht bearbeiten, du musst dich wieder hinten in der Schlange anstellen“ Ich drehte mich um und erblickte die ewig lange Schlange, widerwillig trottete ich nach hinten – es war einfach zum Heulen. Nicht mal ein Buch hatte ich mitgenommen, noch einmal mindestens 5 Stunden warten nur für ein Kreuz und einen Stempel.

Als ich mich schon fast meinem Schicksal fügte, rief dieselbe Sachbearbeiterin mich mürrisch nach vorn und ich hatte Glück, zwei Minuten später hatte ich Stempel und Kreuz und war offiziell als Freiwillige gemeldet. Ich dankte ihr vielmals und im Nachhinein bin ich wirklich dankbar und begeistert, dass sie über ihren Schatten gesprungen ist.

So sieht mein Alltag momentan aus, ich entdecke so langsam die Stadt, laufe viel, treffe immer wieder neue Leute und gewöhne mich ein. Letzte Woche war ich im Kino zu „Escadrón Suicida“, der Film war ganz lustig und ich konnte einen Großteil verstehen, der Rest ergab sich aus dem Kontext. Kinotickets sind mit gerade einmal 2000 Colones (ca. 3,2€) echt günstig und sehr hilfreich, um die Sprache zu verbessern. Demnächst möchte ich mir das Theaterprogramm einmal anschauen.

Protesta Social – como derecho humano

Ich habe auch schon meine erste Podiumsdiskussion zum Thema “ Protesta Social“ besucht. Es war sehr spannend, wobei es sprachlich doch noch einmal eine andere Herausforderung war, da die Teilnehmer*innen sehr schnell gesprochen haben und die Themen doch komplexer sind. Aber im Großen und Ganzen habe ich denke den Kern verstanden. Es ging um die Kriminalisierung von Sozialen Protesten in Lateinamerika, zu Gunsten der herrschenden Klasse. In diesem Zusammenhang wurde auch ein Landwirt aus Honduras eingeladen, der über seine Erfahrungen mit staatlichen Repressionen und Polizeigewalt, im Zuge der Proteste der ländlichen Bevölkerung 2016 in Honduras sprach. Ich überlege dies als Thema für mein Jahr zu wählen, da wir bis Dezember uns für eins entscheiden müssen und die Kriminalisierung des Menschenrechtes des sozialen Protestes bietet sich auch in Verbindung mit meinem Projekt an.

Auf den nächsten Blogeintrag müsst ihr diesmal nur eine Woche warten, in dem werde ich berichten, wie ich mich in Uvita und Dominical verliebte – zwei gemütliche Stranddörfer an der Pazifikküste, die zum Abschalten, Surfen und Seele baumeln lassen einladen.

 

 

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